Warum jagen wir?
Richtig müsste die Frage lauten, warum jagen wir heutzutage noch? Ja, warum eigentlich? Warum schießen wir wildlebende Tiere tot? Zum lebensnotwendigen Nahrungserwerb, der über viele Jahrtausende Grund für die Jagd des Menschen lebensnotwendig war, bestimmt nicht mehr. Es müssen schon andere Gründe vorliegen, die heute einen Jäger dazu bringen, den gemütlichen Stuhl vor dem Fernseher zu verlassen und bei Wind und Wetter stundenlang auf ein Stück Wild zu warten, dieses mit einem sauberen Schuss zu erlegen und es zum Teil durch unwegsames Gelände, unter oft großen körperlichen Anstrengungen zu bergen.
Eine Unruhe aus weit zurückliegenden Zeiten, ein archaischer Trieb, der noch nicht in jedem von uns erloschen ist, sei er nun Fabrikbesitzer oder einfacher Arbeiter, Forstdirektor oder Holzknecht, zieht uns immer wieder hinaus ins Revier, um zu jagen, um ein freilebendes Tier mit unseren schon sehr verkümmerten Sinnen zu überlisten und zu erbeuten.
Natürlich gibt es heute auch noch andere Gründe für die Jagd. Und in einer dicht besiedelten Kulturlandschaft, die wir in Mitteleuropa heute überall vorfinden, muss die Jagd zwangsläufig nach strengen gesetzlichen Regel ablaufen. Als oberstes Gebot steht in unserem Jagdgesetz die Forderung, einen artenreichen und gesunden Wildbestand in einem ausgewogenen Verhältnis zu seinen natürlichen Lebensgrundlagen zu erhalten. Dabei soll dieser seinem Lebensraum so angepasst werden, dass Schäden für Land- und Forstwirtschaft möglichst vermieden werden. Da Großraubwild wie Bär, Luchs und Wolf bei uns schon vor langer Zeit ausgerottet wurden, muss der Jäger hier regulierend eingreifen.
Die folgende stichwortartige Aufzählung der wichtigsten Gründe für die Jagd, wurden
u.a. dem Handbuch „Lernort Natur“ entnommen:
Schalenwildarten verursachen Wildschäden, so dass Förster und Landwirte für manche Regionen eine Verringerung der Wilddichte fordern.
Heute braucht die Jagd einen vernünftigen Grund. Jagd ist naturnahe Nutzung der Wildtiere. Dahinter verbirgt sich die Erkenntnis, dass der Schutz von Tieren und Pflanzen dann den größten Erfolg bringt, wenn er mit verantwortungsvoller Nutzung einhergeht.
In einer Welt, die immer technischer, komplexer und wissenschaftlicher wurde, veränderte sich zwar das Umfeld markant, nicht aber die zeitlose Leidenschaft für die Jagd. Das Aufeinandertreffen von Traditionen und Erkenntnissen der Wildtierökologie schafft zuweilen Spannungen.
Ethik und Jagdmoral
Wir sollten zunächst versuchen die beiden Begriffe zu klären. Das hat Prof. Dr. Richter in der Jagdzeitschrift „PIRSCH“ Nr. 4 v.2.2.2001 in dem Artikel „Lizenz zum Töten...“ in ausführlicher und verständlicher Weise getan.
„Ethik und Moral bedeuten nicht dasselbe. Die Ethik gibt der Moral die Ziele, die Moral ist ein Weg zu diesen Zielen. Moral ist das, was der Einzelne oder eine Gruppe für richtig halten. Meine Moral gibt mir die Antwort auf die Frage: >Was soll ich tun, wie soll ich leben?< Es gibt also heute viele, ganz unterschiedliche, oft miteinander konkurrierende Moralen..... Ethik ist der Zweig der Philosophie, der sich mit den verschiedenen Moralen wissenschaftlich beschäftigt. Ethik untersucht, auf welcher Grundlage eine bestimmte Moral aufbaut, ob sie in sich widerspruchsfrei ist und welche Konsequenzen aus ihr folgen. Wer z.B. das Töten von Tieren zum Zwecke der Nahrungsmittelgewinnung aus Ehrfurcht vor dem Leben ablehnt, muss sich fragen lassen, wo er den moralischen Unterschied zwischen Tieren und Pflanzen sieht, und er braucht schon eine sehr gute Begründung, will er Lederschuhe tragen.“
Nach Papst Benedikt XVI. ist Moral nicht nur etwas äußerlich Anerzogenes, sondern ist als die Grundunterscheidung von Gut und Böse ein Teil unserer geistigen Ausstattung.
Wenn über jagdliche Ethik geredet wird, fällt rasch der Begriff „Waidgerechtigkeit“; Der bekannte Autor vieler Jagdbücher, Bruno Hespeler meint dazu folgendes:
„Was der organisierten Christenheit die Zehn Gebote, das ist dem deutschen Jäger die Waidgerechtigkeit. Der große schwerwiegende Unterschied besteht darin, dass die Zehn Gebote eine ebenso simple wie konkrete Lebens- und Verhaltensregel darstellen – klar, einfach, überschaubar und unzweideutig; was konkret waidgerecht ist, steht nirgends geschrieben!“
Wie kann man klar, einfach, überschaubar und unzweideutig die Ethik der Jagdausübung definieren? Vielleicht hat Martin Luther (1483 – 1546) den richtigen Spruch parat, wenn er sagt: „Jagd ist gut und nutz, wenn der gut und nutz ist, der sie ausübt.“
Wenn man Immanuel Kant nach dem ethischen Handeln befragt, so erhält man als Antwort:
„Dein Gewissen ist Dein innerer Gerichtshof“
Wie denken die verschiedenen Religionen über Jagd?
In christlichen Religionen ist die „jagdliche Beschäftigung“ mit Tieren prinzipiell abgesichert; ebenso im Islam und im Judentum. Der Bezug ist die Bibel. Es gibt bezüglich der Frage, ob man Tiere töten und essen darf, eine merkwürdige Anordnung in der Heiligen Schrift. Da ist zunächst nur von Pflanzen als Nahrung für den Menschen die Rede Gen.1(29). Erst nach der Sintflut, wird dem Mensch auch erlaubt Fleisch zu essen
Gen.9(3).
Der vom chinesischen Philosophen Lao-tse geformte Taoismus fordert dagegen als eine Grundmaxime seiner Lehre, ein Leben im Einklang mit der Natur, gewissermaßen eine Urform der Ökologie. Die Natur soll soweit irgend möglich ungestört gelassen werden. Damit ist praktisch die Jagd nicht möglich.
Der Buddhismus, eine weitere asiatische Religion, ist aus dem Hinduismus heraus begründet und räumt den Tieren eine weitaus höhere Position gegenüber den Menschen ein als Islam, Juden- und Christentum. Da im Hinduismus wie im Buddhismus eine Wiedergeburt des Menschen als Tier nicht ausgeschlossen ist, erreicht das Tier in diesen Religionen einen Stellenwert, der so hoch ist, dass es als Nahrungsmittel natürlich nicht in Frage kommt.
Jagt der Jäger nur um zu töten?
Das Ziel der Jagd ist die Beute, nicht das Töten und obwohl das „Beutemachen“ untrennbar mit dem Tod verbunden ist, gibt es keinen Jäger, der jagt, um getötet zu haben. Der Tod des Tieres allein bedeutet dem Jäger nichts. Wenn z.B. ein Stück Wild tödlich getroffen abspringt und nicht mehr gefunden wird, erlebt der Jäger dies emotional als moralische Niederlage; obwohl das Kriterium des Todes zur Gänze erfüllt ist. Der Jäger empfindet den Tod ohne Beute als einen sinnlosen Tod, eine Tötung ohne vernünftigen Grund, eine Verschwendung.
Wilhelm Bode schreibt in seinem Buch „Jagdwende“:
Jägerisches Töten von schmerzempfindenden Tieren bleibt – auch bei intensivem Bemühen um Perfektion – mitunter unperfekt. Gerade das ist ein wesentliches Kennzeichen des spannungs- und abwechslungsreichen Naturerlebens, wenn es ums Jagen und nicht ums Töten an sich geht. Das unterscheidet den jägerischen Tötungsakt von der garantiert „todsicheren“, perfektionierten Schlachtung.
Die Jagd ist wie jede menschliche Tätigkeit in eine Ethik eingebaut, die Tugenden von Lastern unterscheidet.
Ortega y Gasset sagt in seinen „Meditationen über die Jagd“:
„Zum guten Jäger gehört eine Unruhe des Gewissens angesichts des Todes, den er dem bezaubernden Tier bringt. Er hat keine letzte und gefestigte Sicherheit, dass sein Verhalten richtig ist. Aber, man verstehe dies richtig, er ist auch des Gegenteils nicht sicher......
Die Ethik des Todes ist die schwierigste von allen, da der Tod die am wenigsten verständliche Tatsache ist auf die der Mensch stößt. Bei der Jagdmoral vervielfältigt sich das Rätsel des Todes mit dem Rätsel des Tieres.“
Zusammenfassung
Jagd ist eine menschlich Nutzungsform mit einer langen Geschichte und einer großen Tradition. Bei der Jagd geht es nicht nur um Menschen, sondern auch um Wildtiere. Ihnen muss eine moderne Jagd auch gerecht werden und zwar den Bedürfnissen der Arten, der Bestände und der Einzeltiere.
Eine objektiv und beweisbar allein richtige Moral bezüglich des Tötens von Tieren gibt es nicht. Jeder ist zunächst aufgefordert, sich über seine eigene Position und die Gründe für diese Einstellung Gedanken zu machen.
In der Auseinandersetzung mit anderen Auffassungen ist ein Hinterfragen der moralischen Grundlage und der Konsequenz nützlich. In vielen Fällen brechen dann zunächst aufgestellte Gegensätze zusammen. Auf jeden Fall sollte aber die Argumentation in sich widerspruchsfrei sein. Es kann sich niemand auf den Standpunkt stellen, dass der Hasenbraten verwerflich ist, wenn er gleichzeitig mit großem Genuss ein Schweinefilet verzehrt.
Das Schlusswort soll nochmals der große Philosoph Ortega y Gasset haben:
„In der universalen Tatsache der Jagd äußert sich ein faszinierendes Geheimnis der Natur: die unerbittliche Rangordnung unter den Lebewesen. Jedes Tier befindet sich im Hinblick auf ein anderes in einer Beziehung der Überlegenheit oder Unterlegenheit. Die vollkommene Gleichheit ist überaus unwahrscheinlich und anormal. Das Leben ist ein schrecklicher Wettkampf, ein grandioser und grausamer Wettbewerb. Die Jagd taucht den Menschen bewusst in dieses gewaltige Geheimnis ein, und deshalb hat sie etwas von der religiösen Erregung und dem Ritus, in dem man das, was die Naturgesetze an Göttlichem, an Transzendentem enthalten, verehrt.“