Foto: J.Kappelsberger - Krebssee Murnauer Moos

     ZunĂ€chst sollten wir uns den Begriff Natur etwas nĂ€her ansehen. Das Mittelalter kannte den Begriff „Natur“ nicht. Der Mensch dieser Zeit verstand sich als Teil von ihr. Wir heutigen Menschen betrachten die Natur wie von einer höheren Warte aus, als ĂŒber ihr stehend, als könnten wir Natur selber schaffen und meinen, dass wir sie beherrschen können. Romano Guardini (dt. Philosoph u. Theologe) erklĂ€rt dies in seinem Buch „Das Ende der Neuzeit“ wie folgt:

 â€žDer neuzeitliche Begriff Natur meint das unmittelbar Gegebene; die Gesamtheit der Dinge, bevor der Mensch etwas an ihnen tut; den Inbegriff der Energien und Stoffe, Wesenheiten und Gesetzlichkeiten. Dieses Ganze wird sowohl als Voraussetzung des eigenen Existierens, wie als Aufgabe fĂŒr das eigene Erkennen und Schaffen erfahren.

Natur meint aber auch einen Wertbegriff, nĂ€mlich die fĂŒr alles Erkennen und Schaffen verbindliche Norm des Richtigen, Gesunden und Vollkommenen, eben das NatĂŒrliche......

Der Begriff Natur drĂŒckt also etwas Letztes aus, hinter das zurĂŒckzugreifen nicht möglich ist. Was aus ihr abgeleitet werden kann, ist endgĂŒltig verstanden. Was als ihr gemĂ€ĂŸ begrĂŒndet werden kann, ist gerechtfertigt. Das heißt nicht, die Natur als solche könne begriffen werden; sie trĂ€gt vielmehr den Geheimnischarakter des Urgrundes und End-Zieles.“

  Goethe sagt in seinem Tiefurter Journal vom Jahre 1782:

„Natur! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen – unvermögend, aus ihr herauszutreten, und unvermögend, tiefer in sie hineinzukommen. Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermĂŒdet sind und ihrem Arme entfallen.“

Die Wissenschaft erklÀrt es so:

  Unsere Natur besteht aus verschiedenen Systemen, die sich wechselseitig beeinflussen.

Da kennen wir zunĂ€chst die ÖkosphĂ€re. Das ist der an die ErdoberflĂ€che gebundene, belebte dreidimensionale Bereich, in dem sich Litho-, Hydro- und AtmosphĂ€re berĂŒhren.

Als nĂ€chstes die BiosphĂ€re, der von Organismen bewohnbare Raum der Erde, der die Gesamtheit der Ökosysteme umfasst

 

Was ist ein Ökosystem?

  Ein Ökosystem beinhaltet alle Wechselbeziehungen zwischen Biotop (Lebensraum) und Biozönose (Lebensgemeinschaft), eines abgrenzbaren Teils der BiosphĂ€re.

Auf gut Deutsch: Nicht die Rehe und der Wald, in dem sie leben sind ein Ökosystem. Der Wald, oder Teile davon, ist der Lebensort oder Biotop, in dem das Wild zusammen mit seinen Feinden und Parasiten als Lebensgemeinschaft oder Biozönose sich aufhalten. Lebensort und Lebensgemeinschaften treten in vielseitige Wechselwirkung. Das Wild frisst WaldkrĂ€uter und entrindet BĂ€ume. Es lockert den Boden und dĂŒngt ihn durch seine Exkremente. Der Wald bietet dem Wild Versteck und Unterstand; auf seinen Lichtungen wachsen schmackhafte KrĂ€uter. Ein von Hirschen geschĂ€lter Baum stirbt und fĂ€llt, reißt LĂŒcken, bietet Insekten Unterschlupf, die sich weiter ausbreiten können. Im Wald hĂ€lt sich aber auch der Fuchs auf, der einem Rehkitz gefĂ€hrlich werden kann. Das Wild tritt Schneisen und GĂ€nge in das Unterholz und verĂ€ndert damit stellenweise den Unterbewuchs. Von den StrĂ€uchern fallen aber auch Zecken und andere Parasiten auf die Tiere, die nicht nur Blut saugen, sondern auch Krankheiten ĂŒbertragen können. Wenn man irgendeinen Punkt aufgreift und etwas weiter verfolgt, ergeben sich immer dutzende von Querbeziehungen, und sie werden bei nĂ€herer Betrachtung immer feiner und verzweigter. Dass aber, dieses mehr ImaginĂ€re des Gebens und Nehmens, des Beeinflussens, NĂŒtzens und Schadens, der Konkurrenz, aber auch – wie es dem betrachtenden Menschen erscheint – der Hilfe, des Mit- und Gegeneinander, beinhaltet den Begriff des Ökosystems. Kurz gesagt: Das Ökosystem beinhaltet die wechselseitige Einflussnahme von Lebensraum und Lebensgemeinschaften

                                                                 
Foto: J. Kappelsberger

  Solche Systeme sind oft ganz gut abgrenzbar: Laubwald, Hochmoor und See beispielsweise. Sie sind Ă€ußerst dynamisch, in stetem Wandel begriffen. Praktisch von Tag zu Tag Ă€ndert sich im Laufe eines Jahres das Zusammenspiel; im nĂ€chsten Jahr mag es sich wiederholen oder meist anders verlaufen oder infolge tiefgreifender Änderungen ganz zusammenbrechen, bevor es sich erneut und andersartig wieder einpendelt. Im natĂŒrlichen Fall ist dieses jahreszeitlich fluktuierende Gleichgewicht der Beziehungen ziemlich stabil. So Ă€ndern sich die LebensverhĂ€ltnisse ohne Zutun des Menschen ĂŒber lange Zeit praktisch ĂŒberhaupt nicht. Ein solches stabiles Netz von Querverbindungen hĂ€lt allen möglichen AusfĂ€llen dadurch stand, da es diese ĂŒber andere KanĂ€le kompensieren kann. So war es im letzten Weltkrieg mit den Telefonnetzen unserer GroßstĂ€dte. Sie waren trotz massivster Bombardierung ĂŒberraschenderweise recht stabil, weil sich aufgrund des großen Vernetzungsgrades immer wieder zwischen zwei weit auseinanderliegenden Punkten eine Verbindung schließen ließ, wenn auch oft ĂŒber abenteuerlichen Umwege. Ökosysteme sind „autostabil“, wie man sagt. Das gilt aber nur, solange der Mensch nicht drastisch eingreift und durch Bewirtschaftung, Schadstoffbelastung und all die bekannten Erscheinungen der Zivilisation Biotope zerstört oder Biozönosen beeinflusst. Durch solche EinflĂŒsse kann ein Ökosystem stark leiden und im Grenzfall irreversibel, also ohne die Chance einer Wiederherstellung, “kippen“.

Die Auseinandersetzung des Menschen mit der Natur (lat. von „nasci“ = entstehen, das von selbst Wachsende) ist so alt wie die Menschheit selbst. Bis weit in unser Jahrhundert galt die Natur dem Landwirtschaft treibenden Menschen als feindlich. Mit dem Übergang vom JĂ€ger und Sammler zum sesshaften Bauern, begannen die Menschen die Natur fĂŒr Ihre BedĂŒrfnisse umzugestalten. Dieser Prozess dauert bis zum heutigen Tag fort. Die Natur ist zumindest in Mitteleuropa seit einigen tausend Jahren vom Menschen gestaltet worden. Was wir heute als „Natur“ schĂŒtzen wollen, ist somit bestenfalls „Natur aus zweiter Hand“.

     

Foto: J. Kappelsberger, Murnauer Moos

 

JĂ€ger als NaturschĂŒtzer

       Jagd und Naturschutz sind bei vielen Menschen nicht miteinander vereinbar. Zu viele scheinbare GegensĂ€tze prallen ideologisch verzerrt aufeinander und machen eine sachliche Auseinandersetzung oft unmöglich. Dennoch ist beides eng miteinander verflochten. Der wesentliche Streitpunkt liegt derzeit wohl in dem Wald - Wild -Problem. Richten wir den Blick wieder zurĂŒck in die Vergangenheit und sehen uns die Entwicklung von Jagd und Wald im Einzelnen an.

 Der Wald im Wandel der Zeiten
Vom Urwald zum Forst

     Machen wir in Gedanken eine Reise von der Bergwelt der Alpen ĂŒber das bayerische Alpenvorland zu den tertiĂ€ren SandhĂŒgeln der Donauumgebung und weiter in die Kalkregionen der SchwĂ€bischen und FrĂ€nkischen Alb. Professor Werner Nachtigall sc hildert in seinem Buch “Unbekannte Umwelt” auf Seite 18, was wir in der Steinzeit gesehen hĂ€tten, als Mitteleuropa noch fast von Wald bedeckt und der Mensch in seine Umwelt eingepasst war und sie noch nicht tiefgreifend verĂ€ndert hat. Foto: J.K.

     „Nach der LĂ€rchen-, Zirben- und Latschenregion des Hochgebirges nimmt uns die streng anmutende Fichtenwaldgesellschaft auf, mit Zirben, LĂ€rchen, Ahorn und Vogelbeere als Begleitholzarten. Wir durchschreiten dann die anmutige und schön durchmischte Waldgesellschaft des Tann-Buchenwalds mit etwas Fichte und Ahorn, der uns im Alpenvorland so weit begleitet, wie die von den Gletschern geschaffene HĂŒgelwelt (MorĂ€ne) die Frostgefahr noch etwas abschwĂ€cht. Nördlich dieser MorĂ€nenwĂ€lder erfreut uns das
lichte GrĂŒn der immer stĂ€rker vertretenen Eiche im Buchenwald, wir befinden uns im Buchen-Eichenwald mit seinen Begleitholzarten Esche, Ahorn, Linde, Ulme und einzelnen Kiefern. Das Donaugebiet und seine sĂŒdliche Vorlandschaft ĂŒberrascht uns durch seine lichten EichenwĂ€lder mit Weißbuchenunterstand und Beimischungen von Esche, Linde, Ulme und Ahorn, auf trockenen Partien auch Kiefer und Birke. Wir sind im Eichen-Hainbuchenwald. Plötzlich befinden wir uns auf dem weißen Jura der SchwĂ€bisch-Bayerischen Alb. Die Buche ist das tonangebende Glied der dortigen Waldgesellschaft, des Kalk-Buchenwaldes. Er weist an Beimengungen Ahorn, Linde, Ulme Esche und Elsbeere auf. Am Nordabfall des Jura bildet er sich zum Hangbuchenwald aus, uralte Eiben fesseln unseren Blick.“

Der Urwald bestimmte den Lebensraum des Menschen, nicht der Mensch die FlĂ€che des Waldes. Mit den Bandkeramikern der Jungsteinzeit nahmen zwar Bauern Land in Bearbeitung; aber sie siedelten zunĂ€chst nur auf den LĂ¶ĂŸflĂ€chen oder in Gebieten, die der Wald nicht erreicht hatte oder nicht bestocken konnte. Zweifellos wurde schon damals mit Rodungen begonnen. Weidevieh und Brandkultur erweiterten den Lebensraum des Menschen. Doch erst mit der Erfindung des Pfluges in der Bronzezeit konnte von der primitiven Hackwirtschaft zum feldmĂ€ĂŸigen Anbau ĂŒbergegangen werden. Erst damit war die Nahrung fĂŒr viele Menschen zu gewinnen, und diese wiederum mussten die Rodearbeit am Wald beginnen. Um die Mitte des 14. Jhs ist sie ĂŒberall beendet, ausgenommen von kleinen Landstrichen in den Mittelgebirgen. Auch die Hochmoore sowie die Niederungen der Auen lĂ€ngs der großen FlĂŒsse sind noch nicht besiedelt. Der Wald war nicht mehr der Feind des Menschen, den zu roden eine Kulturtat war; er war jetzt ein Ausbeutungsobjekt. Aber dieses Objekt war bald erschöpft, da der Mensch nur erntete, ohne zu sĂ€en und zu pflegen. Waldweide, Bergwerkswesen, GlashĂŒtten, Salinen, riesiger Holzverbrauch fĂŒr Gewerbe, Haushalt und Hausbau, alles griff nach dem Wald und seinen HolzvorrĂ€ten.

Die Notwendigkeit einer Waldpflege war nicht mehr zu ĂŒbersehen. Man begann neuen Wald zu sĂ€en und zu pflanzen. Der Holzackerbau begann.

     Im „Holzackerbau“ konnte man die Natur lenken und ihr den Willen des Menschen aufzwingen. Hoffnungsvoll wuchsen auf großen FlĂ€chen Nadelholzkulturen heran, aus denen die letzten Laubhölzer herausgereinigt wurden.

Da antwortete die Natur. Der Sturm zerriss die gleichalten BestĂ€nde; in den Mittelgebirgslagen brach der Schnee herein und durchlöcherte vor allem die mittelalten FlĂ€chen. Ungeheuere Vermehrungen von Schadinsekten erschĂŒtterten das GefĂŒge der Forste. Weil er gegen die Grundgesetze der Lebensgemeinschaft Wald verstieß, musste der Holzackerbau zusammenbrechen. Nur der Mischwald konnte die Forderungen nach hoher Sicherheit bei gleichzeitigen Massenerzeugung vereinen und zugleich den Boden so pflegen, dass die nachhaltige Holzerzeugung auch fĂŒr die Zukunft gesichert scheint. Der Umbau in Mischwald wurde begonnen und wird sich allmĂ€hlich ĂŒberall durchzusetzen.

 Die Jagd im Wechsel der Zeiten
 Von der Fleischjagd zur Parforcejagd

      Als es noch allein um den Erwerb der Nahrung ging, wurden die Tiere der Wildnis zu Tode gebracht, wie es eben möglich war. Sie wurden mit Waffen und Schlingen gejagt, in Fallgruben gefangen oder ĂŒber steile Felsen gehetzt. Fleisch musste her, ganz gleich wie. Außer der Nahrung hatte die Jagd Kleidung und viele Dinge des tĂ€glichen Bedarfs zu liefern. Selbst die germanische Zeit, die doch durchaus bĂ€uerlich geprĂ€gt war, kannte im Grunde noch keine andere Einstellung zur Jagd, wenngleich bei der Erlegung wehrhaften Großwildes immer mehr das KĂ€mpferische und Sportliche in den Vordergrund trat. Das Mittelalter machte dann die Jagd zum ritterlichen Spiel und Zeitvertreib. Ein wesentlicher Punkt fĂŒr die Erhaltung großer WĂ€lder war die Jagd, die eben ĂŒberwiegend doch an den Wald gebunden ist. Unbewohnte Gebiete, die niemand gehörten beanspruchten die Könige als Ihr Eigen. Auf diesem Land hatte nur der König das Jagdrecht, und um dieses Recht zu schĂŒtzen, belegte er den Wald mit dem Königsbann. Im Jahre 1231 erkannte der Staufer Friedrich II. den mĂ€chtigen im Reich die Landeshoheit zu. Damit ging auch das Recht, den Wildbann zu verhĂ€ngen auf die Landesherren ĂŒber. Der Wildbann umfasste zunĂ€chst nur die Hohe Jagd, die Jagd auf Edelhirsch und Damwild, aber auch auf Auerochs und Wisent, auf den Reiher sowie auf die WaldhĂŒhner. Die Niedere Jagd, die Jagd auf Rehe, Hasen und Federwild, blieb dagegen noch lange den freien Bauern. Die Jagd auf „Schadwild“ wie BĂ€r, Wolf und Sauen, war und blieb bis ins spĂ€te Mittelalter fĂŒr jedermann erlaubt.

  In der Zeit des Absolutismus entartete die Jagd und man sah in ihr nur mehr einen Sport, dessen Ziel es war, möglichst gefahrlos eine große Anzahl Wild abzuschlachten. Hohe Abschusszahlen und Massenmord am Wild, waren damals das Kennzeichen einer guten Jagd. Dazu mussten Unmengen von Wild gehalten werden. Wald und Feld sahen entsprechend aus. Die Wildmassen mussten aber auch erlegt werden; sie kamen ja von Natur aus nicht auf so engem Raum vor.

  Wild hat die Gewohnheit, bestimmte Wechsel einzuhalten. Daraus entwickelten sich die Hagenjagden. Entlang der Gemarkung oder auch der Landesgrenzen wurden lebende Hecken gezogen und so gepflegt und beschnitten, dass sie wilddicht waren. Nur an den Hauptwechseln waren 20-30 m breite LĂŒcken, und das Wild kannte diese Stellen. Am Jagdtag wurden hier Netze gespannt, in denen sich das angehetzte Wild verfing und eine leichte Beute der JĂ€ger wurde. FĂŒr die großen Jagdveranstaltungen wurde das Wild aus grĂ¶ĂŸeren Landesteilen auf den Schauplatz der Prunkjagd getrieben. Bei Nacht wurde die Front der Treiber durch Wachfeuer und Lappen gesperrt. Nach Tagen hatten dann die jagdfronenden Bauern hundert oder tausend StĂŒck Wild auf einer kleinen FlĂ€che, dem Wildstall, zusammengebracht. Trichterförmig wurde nun Jagdzeug (Jagdhilfsmittel wie z.B. TĂŒcher, Netze Stoff- und Federlappen) gespannt und das Wild dem Jagdherrn und seinen GĂ€sten zur Abschlachtung zugetrieben.

  Eine neue Jagdart war in Frankreich Mode geworden. Nicht mehr mit List, sondern mit brutaler Gewalt, „par force“, jagte und hetzte man nun das Wild mit Hund und Pferd, bis das erschöpfte Tier sich stellte oder ermattet zusammenbrach. 50, 100, ja 300 Hunde und fast ebenso viele Pferde waren hinter einem StĂŒck Wild her, ohne RĂŒcksicht darauf, wie hoch der Jagdschaden auf den Feldern war. Außer diesem Schaden hatte der Bauer noch die Pflicht, die JĂ€ger zu verköstigen und die Hunde zu fĂŒttern. Das war vielleicht noch kostspieliger als die Jagd selbst. Mit der Französischen Revolution 1789 und etwas spĂ€ter, 1848 auch bei uns, waren diese Jagdmethoden zu Ende.

  Eine Jagdart hat sich von Urzeiten bis heute erhalten: die Pirsch, die Jagd des einzelnen JĂ€gers auf das Wild. Wie die Pirsch, so blieb auch der Anstand, die Ansitzjagd oder der Vorpaß, bei dem der JĂ€ger auf das herbeiziehende Wild lauert, durch alle Zeiten gleich.

  Die eingestellten Jagden (das Wild mit Lappen u. Netzen umstellt und so das darin befindliche Wild eingesperrt) und die Parforcejagden stellten hohe AnsprĂŒche an die KĂŒnste der Jagdbediensteten. Drei Lehrjahre und eine Art Gesellenzeit waren vorgeschrieben. Rotwild und Schwarzwild musste der JĂ€ger genau auf Geschlecht und Geweih, Alter und Gewicht ansprechen können; er musste die 72 Zeichen des edlen Hirschen mit allen Feinheiten der FĂ€hrtenkunde beherrschen; er musste Hunde abfĂŒhren können, das Raubzeug zu kirren und das Federwild zu locken wissen.

   Der Einfluss der Jagd war im 17. und 18. Jh., ja bis zur Mitte des 19. Jh. fĂŒr Wald und Forst von grĂ¶ĂŸter Bedeutung, und schließlich sind auch die ersten Förster aus den Reihen der JĂ€ger hervorgegangen.

 

  Nach dem Jahre 1848 wurde das Jagdrecht an Grund und Boden gebunden. Um einer Ausrottung des Wildes vorzubeugen, wurde 1850 das JagdausĂŒbungsrecht an eine bestimmte zusammenhĂ€ngende BesitzgrĂ¶ĂŸe geknĂŒpft, in Bayern z.B. 240 Tagwerk, das sind 81,755 ha. Damit war das noch heute gĂŒltige und bewĂ€hrte Reviersystem geschaffen.

Jagd heute

   Der Mensch hat in den vergangenen 5000 bis 7000 Jahren die Naturlandschaft in eine Kulturlandschaft umgewandelt. Wo diese noch naturnah ist, bedeutet dies fĂŒr die freilebenden Tiere keinen Nachteil. In vielfĂ€ltigen Kulturlandschaften, die durch ein Mosaik von KleinlebensrĂ€umen und eine umweltschonende Bewirtschaftung gekennzeichnet sind, finden besonders viele Tiere einen Lebensraum.

   Die land- und die forstwirtschaftliche Nutzung beeinflussen den Lebensraum des Wildes flĂ€chenmĂ€ĂŸig am meisten. Die Art und die IntensitĂ€t der Nutzung haben sich in den letzten 125 Jahren stark und rasch geĂ€ndert. Verantwortlich dafĂŒr sind unter anderem die immer wieder wechselnde ökonomische Situation. Ein Beispiel dafĂŒr sind etwa die Auswirkungen der beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert. Auch die Entwicklung der Agrartechnik prĂ€gt den Lebensraum enorm. Dazu kommen LandschaftsverĂ€nderungen durch die Ausbreitung der Siedlungen, des Tourismus und des Verkehrs. FĂŒr die freilebenden Wildtiere Ă€ndern sich die ÄsungsverhĂ€ltnisse, die Deckung, die Ruhe, die Möglichkeit zur ungehinderten Wanderung und Vieles mehr. Dies ist nicht ohne Einfluss auf die BestĂ€nde geblieben. Eine Jagd, welche die nachhaltige Nutzung zum Ziel hat, muss sich immer wieder anpassen.

   Viele Jugendliche in Deutschland wissen nur wenig ĂŒber die Natur. Ihnen fehle vielfach das Wissen ĂŒber ZusammenhĂ€nge, sagte der Natursoziologe Rainer BrĂ€mer in DĂŒsseldorf bei der Vorstellung des „Jugendreports Natur’06“. FĂŒr die Studie waren 2200 SchĂŒler in Nordrhein-Westfalen befragt worden. Jugendlichen sei eine â€žĂŒbertriebene Waldmoral“ eingepflanzt worden, so der Soziologe vom Marburger Uni-Institut fĂŒr Erziehungswissenschaft. Es ĂŒberwiege eine „bambihafte Verniedlichung der Natur“ in den Köpfen, die sich in LeitsĂ€tzen wie „Tiere nicht stören“, „Im Wald auf Wegen bleiben“, „Pflanzen nicht beschĂ€digen“ oder „Nichts wegschmeißen“ erschöpfe. Oft hielten die Buben und MĂ€dchen die Natur fĂŒr „immer gut“ und jegliche Nutzung fĂŒr schlecht. Natur diene ihnen hauptsĂ€chlich als „Kulisse fĂŒr Feste und Sport“.

   „Jeder dritte SchĂŒler im Alter zwischen zwölf und 15 Jahren hatte noch nie einen KĂ€fer oder Schmetterling auf der Hand“, sagte BrĂ€mer. Das Forscherteam von der UniversitĂ€t Marburg hat festgestellt, dass Jugendliche in Stadt und Land gleichermaßen auf Distanz zur Natur gehen. „Sie leben alle hinter Glas. Sie sitzen im Auto oder vor dem Computer“.

   Bereits 1997 und 2003 hatte BrĂ€mer grĂ¶ĂŸere Studien zur Naturerfahrung von Jugendlichen erstellt. Sie hatten unter anderem offen gelegt, dass viele Kinder Enten fĂŒr gelb halten. Der neueste Jugendreport dokumentiere ein zunehmendes Verschwinden der Natur aus dem alltĂ€glichen Horizont junger Menschen. Unklar sei, ob das Interesse an der Natur bei ihnen spĂ€ter doch noch erwachen wird.

   Bei der Vorstellung der Studie kommentierte die Landesvorsitzende der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald und NRW-Landtagsabgeordnete Marie-Luise Fasse: „Das Naturbild der Jugend ist schief.“

   GegenwĂ€rtig ist die Jagd in der Gesellschaft noch allgemein akzeptiert. Eine reprĂ€sentative Befragung von BundesbĂŒrgern ab dem 16. Lebensjahr fĂŒhrte zu folgendem Ergebnis: Rund 70% der befragten Personen sind der Ansicht, dass JĂ€ger selten gewordenen Arten helfen und dass sie viel Zeit fĂŒr den praktischen Naturschutz aufwenden. Etwa 85% sind der Meinung, dass zu große WildbestĂ€nde durch die Jagd reguliert werden mĂŒssen. Wobei aber 51% das Schießen von Tieren in freier Wildbahn ablehnen.

  Dieser Konflikt zwischen rationaler Notwendigkeit und emotionalem Empfinden entspricht dem Zeitgeist. Angesichts des raschen tierethischen Wertewandels kann die Jagd auf Wildtiere zukĂŒnftig nur dann mit Zustimmung rechnen, wenn gesellschaftlich akzeptierte Zwecke wirksam verwirklicht werden. Das bleibt eine schwierige Aufgabe in einer sich weiter naturentfernenden Gesellschaft.

Zusammenfassung

  Aus der geschichtlichen Entwicklung, sowohl der Jagd als auch des Waldbaues, wissen wir, dass aus heutiger Sicht ĂŒberall Fehler gemacht wurden. Der Umbau des Waldes auf naturnahe stabile BestĂ€nde ist lĂ€ngst noch nicht abgeschlossen. Die Jagd muss dies berĂŒcksichtigen und die erforderlichen Maßnahmen treffen. Welche diese im Einzelnen sind, muss in emotionsloser und ideologiefreier Auseinandersetzung zusammen erarbeitet werden. Die JĂ€ger werden derzeit in umfangreichen Ausbildungskursen vorbereitet. Kenntnisse in Land- und Waldbau sowie Natur- und Tierschutz werden neben praktisch handwerklichen Fertigkeiten der JagdausĂŒbung vermittelt und durch eine staatliche PrĂŒfung bestĂ€tigt, so dass heutige JĂ€ger oft ein umfangreicheres Wissen besitzen als viele ihrer Kritiker.

   „Die Jagd, aber auch die Betreuung des Wildes und dessen LebensrĂ€ume ist eine öffentliche Aufgabe. Dass diese Aufgabe zu einem bedeutenden Teil von Privatpersonen in der Freizeit erfĂŒllt bzw. durch deren TĂ€tigkeit finanziert werden kann, ist ein GlĂŒcksfall. Dies ist nur möglich, weil die Jagd fasziniert. Jagd verbindet und ist deshalb ein wichtiger Bestandteil der bĂŒndnerischen Kultur.“ Dies steht in einer BroschĂŒre die das Amt fĂŒr Jagd und Fischerei GraubĂŒnden zum 125 JubilĂ€um 2002 herausgegeben hat.

  Zum Schluss will ich noch zwei Fachleute zu Wort kommen lassen, die zu diesem Thema etwas zu sagen haben. Forstmeister Wilhelm Koch aus seinem Buch „Vom Urwald zum Forst“ 1957

„Wald und Wild, das ist ein Gleichklang, den wir als zusammengehörig empfinden, und zwar mit Recht; denn ein Wald ohne Wild ist tot.“

Wilhelm Bode, Waldsprecher des Naturschutzbund Deutschland (NABU) schreibt dazu in der Zeitschrift „Charivari“, Nr. 3 1997 unter dem Titel „Erst schĂŒtzen, dann schießen! – Wer begreift das?“ Untertitel „Gedanken der anderen Art zum Thema Jagd“ auf Seite 76:

„Mir ist als Natur- und TierschĂŒtzer Angst und Bange um die Zukunft unserer Landschaft, wenn wir auf die stĂ€rkste Kraft der Kultur verzichten, das Nutzungsinteresse. Die Nutzung der Landschaft war die Wiege unserer Kultur! Die wenigen verbliebenen Nutzer in unserer Landschaft sind auch in Zukunft die ErfahrungsschnittflĂ€chen von Kultur und Natur. Ich fĂŒrchte eine Gesellschaft, die verlernt, ihren Landschaftsraum biologisch nachhaltig zu nutzen. Sie kann auf Dauer keinen ausreichenden Schutz bieten, wenn sie die Natur nicht begreifen lernt. In diesem Sinn haben JĂ€ger, Fischer, Förster, Bauern etc., eine kaum ersetzbare Lehraufgabe, nĂ€mlich einer naturfernen Gesellschaft nachhaltiges Nutzen vorzuleben.“

Naturschutz und Jagd