Wie der Hund zum Menschen kam.

        Gegen Ende der Altsteinzeit hat die Freundschaft zwischen Mensch und Hund begonnen. Knochenfunde in Afrika, Asien und Europa belegen, dass überall auf der Welt diese Bindung gleichzeitig stattgefunden haben muss. Es hat nicht den Anschein, dass man den Hund damals schon zur Jagd verwendet hat. Dies lässt sich erst etwas später, besonders zu Beginn der Jungsteinzeit nachweisen. Funde von Wildhunden, die eindeutig als erste Haustiere dem Menschen zugeordnet werden konnten, wurden im Zagrosgebirge im heutigen Iran gefunden und auf die Zeit 11000 v.Chr. festgelegt. Im Jahre 1914 fand man in einem Basaltsteinbruch in Bonn ein Doppelgrab, das auf ein Alter von 12500 Jahren zu datieren war. In diesem Grab befanden sich neben zwei menschlichen Skeletten auch Knochenreste eines Hundes, der offensichtlich als Grabbeigabe mit bestattet wurde. Er war also das erste Haustier und es ist nicht einmal erwiesen, dass ihn der Mensch gezähmt hat. Verschiedene Anzeichen deuten darauf hin, dass der Hund sich spontan dem Menschen genähert hat. Zweifellos lockten ihn die Überreste der menschlichen Nahrung und mit großer Wahrscheinlichkeit auch das Feuer, das der Mensch schon besaß. Ortega y Gasset sagt: „Man braucht nur zu sehen, wie glücklich der Hund in der Nähe des Feuers ist. Die Glut macht ihn trunken,...“

   Konrad Lorenz beschreibt die Annäherung des Hundes an den Menschen so:

„Ganze Rudel von Schakalen werden den herumziehenden Jägerhorden des frühsteinzeitlichen Menschen gefolgt sein, werden seine Ansiedlungen umlagert haben, wie es die Paria-Hunde des Ostens auch heute noch tun, von denen kein Mensch weiß, ob man sie als verwilderte Haushunde oder als Wildhunde auffassen soll, die auf dem Weg der Haustierwerdung die ersten Schritte getan haben. Und unsere Urvorväter haben gegen diese Abfalljäger ebenso wenig unternommen wie der Orientale in überliefertem Schlendrian auch heute noch. Ja, jene Steinzeitjäger, für die große Raubtiere noch sehr ernste Feinde waren, haben es wohl als recht angenehm empfunden, einen breiten Gürtel von Schakalen um ihr Lager zu wissen, der bei der Annäherung eines Säbelzahntigers oder eines Höhlenbären in wildesten Aufruhr geriet.

   Und irgendwann ist zu der Funktion des Wächters, die eines Helfers auf der Jagd gekommen. Irgendwann ist die Meute der Schakale, dazu übergegangen, nicht mehr hinter, sondern vor dem Jäger herzulaufen, das Wild aufzuspüren und nach Möglichkeit zu stellen.“

Die Vorfahren unserer Hunde

   Bis heute ist nicht eindeutig geklärt, von wem nun unsere Hunde eigentlich abstammen. Vom Wolf (Canis lupus), wie es der amerikanische Wildbiologe Raymond Coppinger behauptet oder vom Goldschakal (Canis aureus), wie der Verhaltensforscher Konrad Lorenz meint. Beide haben ihre Auffassung begründet.

   Für den „Lupushund“ spricht, dass sich Hunde und Wölfe aufgrund genetischer Untersuchungen, die der Genetiker Robert Wayne von der Universität Los Angeles durchgeführt hat, selbst bei den am stärksten veränderlichen Regionen im Erbgut um nicht mehr als ein Prozent unterscheiden.

   Konrad Lorenz: „Im Gegensatz zur verbreiteten Meinung, dass der Wolf eine wesentliche Rolle in der Ahnenreihe aller größeren Hunderassen spiele, weiß die vergleichende Verhaltensforschung, dass sämtliche europäischen Hunderassen, auch die größten unter ihnen, wie Doggen und Schäferhunde, reine „Aureushunde“ sind und höchstens einen winzigen Teil Lupusblut enthalten. Die reinsten Lupushunde, die es gibt, sind gewisse Rassen Indianerhunde des hochnordischen Amerika, vor allem die sogenannten Malamutes. Auch Eskimohunde enthalten nur geringe Spuren von Aureusblut. Die nordischen Hunderassen der alten Welt, Lappenhunde, russische Lajkas, Samojeden und Chow-Chows haben etwas mehr Aureusblut als die nordamerikanischen.“

   Beide Stämme unterscheiden sich in ihrem Verhalten zum Menschen. Während beim Aureushund die „Prägephase“, bei der er sich endgültig an einen Menschen anschließt, etwa zwischen dem achten Monat und anderthalb Jahren liegt, ist sie beim Lupushund etwa um den sechsten Lebensmonat und ist dann endgültig und unumkehrbar d.h. eine lebenslange Einmanntreue bis in den Tod. Treue und Anhänglichkeit ja, nicht aber unterwürfig. Wogegen der Aureus durchaus bereit ist, auch eine andere Bindung einzugehen. „Schon den vielen bestechend schönen formedlen Rassen der hängeohrigen Jagdhunde nehme ich es übel, dass sie meist mit jedem Menschen mitzugehen bereit sind, der ein Gewehr umhängt.“ Sagt Konrad Lorenz. Dem Aureushund ist als Folge der Domestikation jene Abhängigkeit erhalten geblieben, die ihn zum handlichen und folgsamen Weggenossen macht. Ein Lupushund hat viele Eigenschaften eines großen katzenartigen Raubtieres, er ist zwar dein Freund bis in den Tod, aber niemals dein Sklave.

   Den alten Ägyptern war der Schakal heilig. Als Gott Anubis, so glaubten sie, geleite er die Seelen der Toten ins Jenseits. Man hat in den aus der Steinzeit stammenden Pfahlbauten der Schweiz und am Ostseestrand Knochenreste von Hunden mit spitzähnlicher Gestalt, „Torfhunden, auch Torfspitz“ genannt, gefunden, die dem Anschein nach vom Schakal abstammen. Da es aber zu dieser Zeit keine Schakale in Nordwesteuropa mehr gab, müssen die Hunde von den Menschen dorthin mitgenommen worden sein.

   Fast alle Wissenschaftler neigen inzwischen dazu, den Wolf als Gründer des Hundestammbaums anzuerkennen, doch es gibt 35 Unterarten des Wolfes, die sich in Aussehen und Verhalten durchaus unterscheiden. Es ist daher nicht von der Hand zu weisen, dass es verschiedene hundeartige Tiere waren, die von den Menschen der jeweiligen Kontinente gezähmt und zu Haustieren gemacht wurden.

Die Zähmung

   Das Rätsel der Zähmung der Tiere ist noch kaum geklärt. Zum Ende der Altsteinzeit bis in den ersten Abschnitt der Jungsteinzeit, in dieser verhältnismäßig kurzen Zeitspanne, zähmte der Mensch eine Reihe von Tierarten. Es ist ihm später nicht mehr gelungen, den bereits gezähmten noch eine weitere Art hinzuzufügen. Diese Gabe der Zähmung ist somit auf einen bestimmten Abschnitt in der menschlichen Entwicklung beschränkt.

Konrad Lorenz schreibt dazu in seinem Buch „Er redet mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen“:

   “Für mich ist es ein merkwürdig angenehmer, ja geradezu erhebender Gedanke, dass der uralte Bund zwischen Mensch und Hund von beiden vertragschließenden Parteien freiwillig und ohne jeden Zwang unterzeichnet worden ist. Alle anderen Haustiere sind auf Umwegen über echte Gefangenhaltung zum Haustier geworden, ausgenommen die Katze; die ist aber auch heute noch kein richtiges Haustier. Und alle Haustiere sind leibeigene Sklaven, nur der Hund ist ein Freund. Gewiss, ein ergebener, ein untergebener Freund.“ Der Dichter Adelbert von Chamisso hat in dem Gedicht „Der Bettler und sein Hund“ diese ergebene Treue bis in den Tod in ergreifender Weise dargestellt.

   Ein Haustier ist vom zoologischen Standpunkt aus ein degeneriertes Tier. Es verliert nicht wenige seiner arteigenen Instinkte, doch der Mensch hat durch Dressur die für ihn interessanten gefördert und verfeinert. Durch die Abrichtung führt der Mensch in das Tier gewisse Formen menschlichen Verhaltens ein. Man könnte meinen, im Haustier wirkt schon so etwas wie Vernunft. Das merkt man am ehesten, wenn man mit einem Hund spricht; viele schwören darauf, dass er sie versteht. Das Gebell des Hundes ist ein Produkt des Zusammenseins mit dem Menschen.

   „Fast allen Jägern ist es unbekannt, dass das Bellen dem Hund nicht angeboren ist. Weder der wilde Hund noch die Gattungen, von denen er abstammt – Wolf, Schakal – bellen, sondern heulen einfach. Diese Tatsache wird durch ein Übergangsstadium bestätigt, d.h. die ältesten Haushunde, bestimmte amerikanische und australische Rassen, sind stumm. Schon Kolumbus stellt in dem Bericht über seine erste Reise erstaunt fest, dass die Hunde auf den Antillen nicht bellen. Sie haben aufgehört zu heulen und noch nicht gelernt zu bellen. Wenn ein Fremdling an einem Bauernhof vorbeikommt, bellt der Hund, er will sagen, dass ein Unbekannter in der Nähe ist. Und wenn der Herr den „Wortschatz“ seines Hundes kennt, kann er noch mehr Einzelheiten heraushören: Welcher Art der Vorübergehende ist, ob er nah oder fern vorübergeht, ob es ein Einzelner ist oder eine Gruppe, und ,was ich unheimlich finde, ob der Wanderer arm oder reich ist.“ Soweit Ortega y Gasset.

   Der griechische Schriftsteller Aelian erzählt im Jahre 180 n. Chr. in seinen Tiergeschichten, dass sich im Heiligtum des griechischen Gottes des Feuers und der Schmiedekunst, Hephaestos zu Aetna auf Sizilien, Tempelhunde befunden hätten, deren Scharfsinn so erstaunlich gewesen sei, dass sie sogar den sittlichen Wert der Tempelbesucher unterscheiden konnten.

   Anatomische Untersuchungen haben ergeben, dass sich beim Haushund der vordere Teil des Hirns außerordentlich entwickelt hat, während beim wilden Hund die Entwicklung auf den hinteren Teil beschränkt ist. Dies zeigt, dass sich seit der Zähmung eine gewisse Art von „Vernunft“ entwickelt haben muss.

Treue Gefährten und Helfer

   Die Wächterrolle, die der Hund zunächst unbewusst dem Menschen gegenüber einnahm, hat er später von ihm auch für seine gefangenen Nutztiere übertragen bekommen. Diese Aufgabe übt er bis zum heutigen Tage aus. Wer staunt nicht über die oft unglaublichen Fähigkeiten des Hirtenhundes, der nur auf einen Wink oder kurzen Zuruf des Hirten, die kompliziertesten Manöver mit einer großen Schafherde ausführt.

   Die edelste Aufgabe, die er aus angeborener Passion, seit etwa der Jungsteinzeit, beim Menschen ausführt, ist die des Jagdhundes. Ägyptische Fels- und Keramikmalereien aus dem 4.Jahrtausend v.Chr. zeigen Hunde zusammen mit dem Menschen jagen und das Wild in Fangnetze treiben. Im 8.Jahrhundert v.Chr. wurde dem Hund in der Weltliteratur durch Homer in der Odyssee ein Denkmal gesetzt. Als erster erkennt sein alter Jagdhund Argos den heimkehrenden Odysseus und läuft ihm schweifwedelnd entgegen. Im 4.Jh. v.Chr. beschreibt der römische Dichter Seneca die Anweisungen an die Hundeführer bei einer Saujagd wie folgt: „Auf, ihr! Lockert die Leinen der schweigenden Hunde, die hitzigen Molosser aber legt an Riemen, und die feurigen Kreter haltet mit stärkeren Fesseln am geriebenen Halse. Die Spartaner aber – kühn ist diese Art und hitzig aufs Wild – führet behutsam am festgeschlungenen Knoten.“

   Man kann diese verschiedenen Hunderassen, die Kreter und die Spartaner, mit den heutigen Hunderassen nur schwer in Einklang bringen. Die Molosser ähnelten wohl der Dogge, sie wurde im alten Rom zu gewaltigen Kolossen gezüchtet, die die Anwesen der reichen Römer bewachten, aber auch im Zirkus, im Kampf gegen Löwen und Tiger auftraten. Auch Aristoteles erwähnt schon den canis molossus. Der griechische Geschichtsschreiber Xenophon (4.Jh. v.Chr.) sagt von den Kelten, dass sie eine Rasse von Hunden hätten, die zum Spüren nicht minder geschickt seien als die karischen und kretischen Hunde und mit Lärm und Gebell jagten. Die Keltenbracke (Canis segusius) gilt allgemein als Stammvater aller hängeohrigen Jagdhunde. Womit uns die Hundespur endlich in unsere Breiten führt.

Ausführlicheres über Hunde erfahren wir durch die altdeutschen Gesetze. Im alemannischen sind erwähnt: der Trieb- oder Laufhund, der Leithund (laitihunt, auch zur Verfolgung von Menschen benutzt, im Krieg bedienten sich die Cimbern schon der Hunde), der Saufänger, der Bärenfänger und der Windhund, dazu noch bibarhunt (Dachshund) und hapichhunt (bei der Falknerei verwendet). In anderen Gesetzen, wie im Friesischen Gesetz und im Sachsenspiegel, stehen meist dieselben Hunde, jedoch vielfach unter veränderten Namen.

Das erste bayerische Gesetzbuch, die Lex Bajuvariorum (8.Jh.) enthält Hinweise auf die Jagd. Darin genossen Jagdhunde und Beizvögel besonderen Schutz. Es werden in diesem bayerischen Volksrecht bestimmte Hunde genannt, die aber weniger nach Rassen sondern nach ihrer Verwendung unterschieden wurden. So der Leitihunt, der Spurihunt, der am Riemen geführt wird und der Triphunt. Für Entwenden oder Töten dieser Hunde waren ganz empfindliche Strafen vorgesehen.

   Ende des 17.Jh. kam von Frankreich ausgehend die Parforcejagd an den Höfen Europas in Mode. Sie war eine Jagdkunst, die neben einem hohen Personalaufwand auch einen hohen Aufwand an Hunden erforderte; entsprechend wurde an den Fürstenhöfen „aufgerüstet“. Hier einige Beispiele: Herzog Heinrich von Braunschweig hielt allein für die Sauhatz 600 Rüden. Der Herzog von Zweibrücken in der Pfalz, besaß mehr als 1000 Jagdhunde, die er in Kompanien eingeteilt hatte. Für je 20 Hunde war ein Jäger zuständig; auch hielt er die Hunde nicht in Zwingern, sondern in Zimmern auf Schloss Karlsberg bei Homburg. Täglich bekamen die Hunde je ein Pfund Fleisch und drei Pfund Brot. Gewiss mehr als die Landeskinder auf ihrem Tisch hatten.

   Ich will noch einmal den Philosophen Jose Ortega y Gasset zu Wort kommen lassen, der eine Hundemeute, wie sie in dieser Zeit zum Einsatz kam, kurz vor Beginn der Jagd beschreibt:

   „Da ist sie schon, die Meute: dicker Geifer, Keuchen, das Korallenrot der Lefzen und die Bogen der unruhigen Ruten, die die Landschaft peitschen! Schwierig, sie zu bändigen. Sie können sich nicht mehr halten vor Jagdlust, sie schäumt ihnen aus Auge, Schnauze und Fell. Schatten von flüchtigem Wild ziehen vor der Phantasie der rassigen Hunde vorüber, die in ihrem Innern schon in wildem Lauf sind.“

Zusammenfassung

   Aus der großen Palette von Einsatzmöglichkeiten für unsere Hunde, habe ich nur zwei herausgesucht, die des Wächters und des Jägers. Heute gibt es für unsere Freunde eine Fülle von Aufgaben in den verschiedensten Verwendungen. Bei der Polizei, bei Rettungseinrichtungen, als Blindenhunde, um nur ein paar wenige zu nennen und überall verrichten sie ihre Arbeit mit Zuverlässigkeit und Freude für den Menschen. Trotz aller Züchtung und Zähmung haben Hunde ihre hervorragende natürliche Fähigkeit noch nicht verloren: den Geruchssinn. Bis zu 220 Mio. Riechrezeptoren enthält ihre Nase, die des Menschen im Vergleich dazu gerade mal fünf bis zehn Mio.

   In Deutschland leben heute rund fünf Mio. – registrierte - Hunde, in Österreich sind es 530000, in der Schweiz 440000, und in den Vereinigten Staaten wurden rund 68 Mio. gezählt. Einige dieser Tiere müssen zwar noch für ihr tägliches Futter arbeiten, so hat allein der Bundesgrenzschutz in Berlin zur Zeit 560 Diensthunde auf der Gehaltsliste und bei der bayerischen Landpolizei sind 400 vierbeinige Schnüffler im Einsatz, aber 99,9% von ihnen haben nichts anderes zu tun, als herumzuliegen, zu bellen und zu fressen. Nach den letztverfügbaren Zahlen gaben Hundehalter in Deutschland im Jahr 1999 rund 350 Mio. Euro für Trockenfutter aus, 250 Mio. für Feucht- und Dosenfutter sowie knapp 150 Mio. für Knabbereien. Dazu kamen noch mehr als 100 Mio. für Leinen und Halsbänder, Spielzeug und Pflegeartikel.

   Und so ist es für einen Mitteleuropäer z.B. unverständlich, welchen geringen Wert Hunde in Tibet haben. Dort erhalten Hunde von keiner mitleidigen Seele Futter, wenigstens werden sie hier aber auch nicht als kostenloses „Wildbret“ verarbeitet wie z.B. in China.

   Insgesamt hat es sich für den Hund gelohnt, dass er die Verbindung zum Menschen gesucht hat und profitiert von der Beziehung viel mehr als der Mensch.

  

Mensch und Hund