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Januar 2011
Wildfütterung in der Notzeit
(auch als PDF abrufbar)
Bearbeitet: Erwin Puchinger
Nachdem heuer der Winter mit bundesweit zum Teil starken Schneefällen und Kälte schon relativ früh eingesetzt hat, entzündete sich eine Diskussion, ob nun schon Notzeit und damit die Wildfütterung zu beginnen habe oder nicht. In zahlreichen Leserbriefen der Presse wurden die unterschiedlichsten Meinungen dazu vorgebracht. Dabei fiel auf, dass so manchem die Thematik nicht ganz klar war.
Anhand der mir zugänglichen Literatur werde ich versuchen, sowohl die Wissenschaft, als auch die Autoren, die sich zur Wildfütterung geäußert haben, zu Wort kommen zu lassen. Zunächst die Gesetzeslage:
Im Bundesjagdgesetz § 23 und im Bayerischen Jagdgesetz (BayJG) Art. 43 ist die Wildfütterung in der Notzeit angeordnet. Im Abs.3 BayJG heißt es: „Der Revierinhaber ist verpflichtet, in der Notzeit für angemessene Wildfütterung zu sorgen und die dazu erforderlichen Fütterungsanlagen zu unterhalten.“… Der Begriff Notzeit ist wie folgt erläutert: „Die Notzeit kann regional verschieden, schon nach der Ernte bzw. der Ausschöpfung der nicht immer ausreichenden Herbstmast beginnen (z.B. reine Feldreviere). Notzeit ist auf jeden Fall dann, wenn das Wild durch Frost und Schnee längere Zeit in der Nahrungsaufnahme gehindert ist.“
- Jagdlexikon 2.Auflage BLV Verlagsgesellschaft mbh München 1984
„Notzeit ist die Zeit, in der Wild keine ausreichende natürliche oder naturnahe Äsung findet. Soweit zeitlich von den Bundesländern gesetzlich nicht festgelegt, zählen zur Notzeit unbestritten die Zeiten, in denen bestimmtes Wild namentlich wegen der Witterungs- und Bodenverhältnisse an der Aufnahme natürlicher Äsung gehindert ist (z.B. bei hoher oder gefrorener Schneedecke, anhaltendem starken Frost oder bei Dürre, Überschwemmungen oder ähnlichen Naturkatastrophen).“
- Dr. Heribert Kalchreuter „Die Sache mit der Jagd“ BLV Verlagsgesellschaft mbH München 1977
„Soll man das Wild verhungern lassen? S. 214
Keinerlei Fütterung mehr! Grausam klingt diese Forderung aus dem Munde von Ökologen, die keinen anderen Ausweg aus der Schalenwildmisere und zur Rettung der Mischwälder sehen. Wäre dies wirklich eine Lösung?
Die Zusammenhänge sind wohl im Einzelfall noch zu wenig erforscht, um diese Frage abschließend beantworten zu können. Im allgemeinen pflegen jedoch insbesondere in Rudeln lebende Wildarten ihren Lebensraum bei Überzahl rascher zu zerstören, als ihr Bestand abnimmt. Mit anderen Worten, die Äsungspflanzen gehen schneller zurück als die sie verbeißenden Tiere, denn diese können sich notfalls noch mit weniger geeignetem Grün über Wasser halten.
Mit dem Verbot jeglicher Fütterung wäre also sehr wahrscheinlich nicht viel zu erreichen, der Mischwald ginge wohl vor dem Wild zugrunde. Umgekehrt könnte eine sinnvolle Zusatzfütterung vielleicht helfen, Wildschäden zu vermeiden und das Wild von den gefährdeten Mischbaumarten abzulenken.
Der Jäger versucht zu ersetzen, was der wirtschaftende Mensch genommen hat. Doch dabei ist es nicht einfach, immer den richtigen Weg zu finden.“
- Prof. Dr. Drs. h.c. Hans Stubbe “Buch der Hege“ Band 1, Verlag Harri Deutsch Thun – Frankfurt/Main
Seite 167 Die Berechtigung einer Winterfütterung ist für die Verhältnisse einer Kulturlandschaft ohne Einschränkung anerkannt. Sie muss sachgemäß durchgeführt werden, da sie sonst nachteilig wirkt. Es darf sich nicht darum handeln, schwächliches Wild über den Winter zu bringen und Krankheiten und Parasitierung zu fördern. Jede Massierung von Wild an den Fütterungen muss vermieden werden. Auf 100 bis 150 ha sollte eine Rehwildfütterung errichtet werden.
- Ernst Schäfer, „Hegen und Ansprechen von Rehwild“, 3. Auflage, BLV Verlag München 1979.
Seite 44: Die Notzeit ist daher die entscheidendste Periode des Jahres, in welcher an den Mineralstoffwechsel der Tiere die höchsten Anforderungen gestellt, die Gehörne neu geschoben und die Kitze im Mutterleib ausgetragen werden. Also muss das Rehwild feist in den Winter gehen, wie es früher einmal war und wie es in Wildnisbiotopen auch heute noch ist. Dabei ist das Kriterium jedoch nicht nur das runde Aussehen oder die glatte Decke, sondern einzig und allein die Ablagerung dicker Polster von Reservefeist rund um die Nieren während des Spätherbstes. Dies aber ist in vielen Wuchsgebieten unserer verarmten Landschaft heute nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel. Pansenfüllende Erhaltungsäsung reicht nämlich bei weitem nicht aus, um die Rehe in die notwendige Kondition zu bringen, nicht nur den härtesten Winter bei guter Gesundheit durchzustehen, sondern im nächstfolgenden Jahr auch starke Kitze zur Welt zu bringen. .. Da jedoch das Angebot an rehgerechter, das Ansetzen von Reservefeist fördernder Herbst- und Winter-Äsung in allen unseren Kulturforsten besonders arm und einseitig ist, kann ein angemessener Ausgleich nur durch zusätzliches Äsungsangebot geschaffen werden. ..
Leider aber lehnen viele Jagdpächter noch heute Fütterung in jedweder Form – außer bei hohen Schneelagen, wenn es in jedem Fall schon zu spät ist – ab. Andere wiederum behaupten, das Rehwild leide, zumindest in nordwestdeutschen Heiderevieren, selbst in härtesten Wintern kaum wirklich Not, da es die zumeist erst während der Notzeit angelegten Fütterungen gar nicht annehme.
- Ferdinand von Raesfeld, „Das Rehwild“, 8. Auflage, Paul Parey Verlag Hamburg
Äsungsbeschaffung in Wald und Feld Seite 210
…Der Herbst, in dem ja bereits früher oder später – je nach Witterung – die Vegetationsruhe eintritt, sollte eigentlich dem Wilde das Anlegen eines „Fettpolsters“ ermöglichen. …In der heutigen Kulturlandschaft ist dies nur noch in besonders günstigen Biotopen oder z.B. bei starker Eichelmast möglich. Eine Fütterung zur „Notzeit“ von ersten Schneefällen oder anhaltendem Frost an kommt dafür zu spät…
Man verweist auf Wintersaaten oder auf Heidekrautflächen, die reichlich im Revier vorhanden wären, und auf die Fütterungen, die bei höherer Schneelage natürlich sofort beschickt würden, und bestreitet, dass das Wild Not litte.
Ich will nun die gängigen Lehrbücher für die Jungjägerausbildung vorstellen und zeigen, was hier zum Thema Winterfütterung ausgesagt wird:
- Lehrbuch Jägerprüfung in 5 Bänden – Hamburg Paul Parey, Band 1, 2. Auflage.
„Winterfütterung des Schalenwildes Seite 102
Zur Wildfütterung an sich mag man nun stehen, wie man will. Dort, wo das Wild Not leidet, ist sie erforderlich und jagdgesetzlich geboten. Ging es in der Vergangenheit nicht selten auch darum, die Wildbretgewichte und Trophäen zu verbessern, wird heute vernünftigerweise eine ausschließlich den biologischen Bedürfnissen des Wildes entsprechende Erhaltungsfütterung empfohlen. Da aber auch Kraftfuttergaben bisher nicht gänzlich verboten wurden (ggfls. Regelungen der Bundesländer beachten!), sind auch sie der Vollständigkeit halber mit aufgeführt worden. Bei sämtlichen Fütterungsmaßnahmen ist darauf zu achten, dass das an natürliche Abläufe gewöhnte Wild in seinen Verhaltensweisen nicht gestört oder zu sehr an den Menschen gewöhnt wird.“
- BLASE „Die Jägerprüfung“, Quelle & Meyer Verlag GmbH & Co., Wiebelsheim, 28. Auflage
2.2.146 „Müssen Rehe gefüttert werden?“
Hespeler meint dazu: „Rehe bedürfen – wenn es nur um die Erhaltung ihrer Art, nicht aber um persönliche jägerische Zielsetzung geht und wenn wir allgemein dulden, dass Rehe auch solche Pflanzen überwiegend nutzen, die wir als forstliche Nutzpflanzen ansehen – sicherlich keiner Fütterung.“ In vielen Bundesländern hat sich diese Auffassung durchgesetzt.
2.2.147 „Wie wirkt sich eine intensive Winterfütterung auf das Rehwild aus?“
Die Wintersterblichkeit wird reduziert und damit der Zuwachs angehoben. Rehe werden aus benachbarten Lebensräumen, in denen sie nicht gefüttert werden, angezogen.
- Siegfried Seibt, „Grundwissen Jägerprüfung“ KOSMOS-Verlag
Wildfütterung Seite 383
Wildfütterung darf nicht in „Mast“ der Wildtiere ausarten. Die Wildfütterung soll nur dazu dienen, Äsungsengpässe, welche durch die Land- und Forstwirtschaft (also durch Eingriffe des Menschen) verursacht wurden, auszugleichen.
In einer ausgeglichenen, weitestgehend vom Menschen unbeeinflussten, natürlichen Umwelt braucht das heimische Wild keine Fütterung. Ausnahmen sind bei Naturkatastrophen, Waldbränden o.Ä. gegeben. Ebenfalls herrschen im Hochgebirge und seinen Vorbergen besondere Bedingungen.
- Jürgen Schulte „Der Jäger“ Lehrbuch für die Jägerprüfung, 4. Auflage, Verlag Eugen Ulmer
Fütterung Seite 386
Vorlage artgerechten Futters in geringst notwendiger Menge, die dem Erhaltungsbedarf des den landeskulturellen und landschaftlichen Verhältnissen angepassten Wildbestandes entspricht. Artgerechte Futtermittel des wiederkäuenden Schalenwildes und Schwarzwildes sind ausschließlich heimische Feld-, Baum- und sonstige Waldfrüchte, Heu und Silage jeweils ohne Kraftfutterzusätze. Nicht heimische Früchte, Back- und Süßwaren, Küchenabfälle oder Futtermittel, die durch eine industrielle Aufarbeitung ihre natürliche Rohfaserzusammensetzung verloren haben (Schrot, Pellets, Presslinge), sind nicht artgerecht. Ebenso ist das getrennte Angebot von Rau-, Saft- und Kraftfutter an den Fütterungen ein Fütterungsfehler, weil dem Wild dann das Selektieren zugunsten des Kraftfutters ermöglicht wird. Rehwild nimmt selbst wertvolles Kleeheu in solchen Fällen nicht an.
- KREBS „Vor und Nach der Jägerprüfung“ 56. Auflage, BLV – Verlag München
Fütterung Seite 692
Im deutschsprachigen Kulturkreis hat die Winterfütterung der Wildtiere eine lange Tradition. Markgraf Philipp von Hessen ordnete schon im Winter 1556 die Fütterung an.
Nur in einem intakten Lebensraum mit reicher Herbstäsung kann sich das Wild die notwendigen Feistvorräte (Fettreserven) für den Winter anfressen. Diese Vorsorge ist für alle Wildtiere wichtig. Im Herbst nicht feist gewordene Tiere leiden sehr früh Not. Zur Überlebensstrategie des Wildes im Winter gehören neben Feistvorräten, Stoffwechselabsenkung, Pansenzottenverkleinerung (Wiederkäuer) und stark gedrosselter Äsungsaufnahme vor allem die Einschränkung des Aktionsradius und der Bewegung. Die energiesparende Winterruhe darf nicht durch unnötigen Jagddruck gestört werden (keine „Bewegungsjagd“ mehr).
Aus Tierschutzgründen ist die Jagdruhe ab der Wintersonnenwende wichtiger als die Winterfütterung des Wildes!
Eine erst im Hochwinter einsetzende Fütterung kommt zu spät. Bei fehlender Herbstmast können die Körperschäden des Wildes nicht mehr ausgeglichen werden. Nicht zu verantworten ist eine nährstoffreiche Kraftfuttergabe bei absinkendem Stoffwechsel oder gar im Stoffwechseltief etwa Mitte Februar. Wird in dieser Zeit Kraftfutter gereicht, werden Schäden sowohl im Tier wie auch an der Vegetation provoziert. Das gleiche gilt für die trockene Heufütterung ohne das wichtige Saftfutter (Speichelproduktion).
Die komplexe Ernährungsphysiologie des Wildes zeigt, dass nur ein schlechtes oder gutes Feistdepot (um die Wintersonnenwende) eine Entscheidungshilfe sein kann, ob im Revier gefüttert oder nicht gefüttert werden soll (Landesjagdgesetz beachten!).
Im folgenden Beitrag werden nun Wildbiologen und Jagdwissenschaftler der Justus Liebig-Universität Giessen zum Themenbereich: „Ernährungsverhalten und wechselnder Nährstoff- und Energiebedarf von Reh-, Gams- und Rotwild in Mitteleuropa“ zu Wort kommen. Es wird aus Arbeiten zitiert, die als „Wildbiologische Informationen für den Jäger“ im Ferdinand Enke Verlag Stuttgart erschienen sind.
Die oben angesprochenen Wildwiederkäuerarten haben in unvorstellbaren Anpassungszeiträumen eine hochdifferenzierte Ernährungs- und Überlebensstrategien für die mitteleuropäischen Lebensräume entwickelt. Dabei folgen sie alle den Grundprinzipien des Wiederkäuers, wobei sich Gemeinsamkeiten und Überlappungen ebenso ergeben, wie ganz besondere Eigentümlichkeiten. Bei der Frage der Wildernährung und der Wildfütterung ist daher eine differenzierte Vorgehensweise geboten.
Zunächst gilt es, verschiedene Tatsachen aufzuführen, die bei der landläufigen Beurteilung der Wildwiederkäuer-Ernährung nicht in Betracht gezogen werden und dadurch bereits zu falschen Vorstellungen führen. So gibt es eine umfangreiche empirische Literatur (sowohl auf Direktbeobachtungen wie auf Losungs- oder Panseninhaltsanalysen beruhend), die die Pflanzenarten aufführt, welche die betreffende Schalenwildart äst. Die Liste ist am größten beim Reh, geringer beim Gamswild und am kürzesten beim Rotwild. Da aber die Mengen von bevorzugt geästen Pflanzen hierbei höchst unterschiedliche sind, kann das durchaus ökologische Konsequenzen haben, das heißt, bestimmte Pflanzen werden so stark beäst, dass sie regional selten werden.
Ohne Zweifel reguliert – beim Reh – das Sommeräsungsangebot die Wilddichte dieses territorialen Wildes entscheidend mit, sofern nicht die Witterung oder andere Faktoren eine hohe Kitzsterblichkeit bedingen. Doch die Stärke und damit das nutzbare Wildbret der Rehe wird durch das Äsungsangebot im Herbst bestimmt und durch die (oft behinderte) Fähigkeit aller drei genannten Wildarten, bei eingeschränkter Aktivität und allmählich gedrosseltem Stoffwechsel die aufgenommenen Nährstoffe in Speicherenergie, d.h. in Feiste umzuwandeln.
Im Herbst feist gewordene Wildwiederkäuer brauchen aber im Winter nur relativ geringe Mengen Erhaltungsäsung aufzunehmen, und die ist natürlicherweise nährstoffärmer und schwerer verdaulich, insgesamt energieärmer als die Frühjahrs-, Sommer- und Herbstäsung. Allein schon hieraus ist ersichtlich, warum es widersinnig ist, in der von einigen Gesetzgebern in die Monate Dezember bis März kommandierten „Notzeit“ dem Reh- und Rotwild Kraftfutter vorzulegen, das die Tiere freilich in Ermangelung der Herbstfeiste und eines anderen Angebots annehmen.
Der geringe Nahrungsbedarf im Winter ist die gemeinsame Anpassungskonsequenz aller europäischen Wildwiederkäuerarten an das geringe, zur Regeneration unfähige Pflanzenangebot während der Vegetationsruhe. Auch der Verdauungsapparat selbst und seine Funktionsabläufe folgen in dieser Zeit anderen Gesetzen.
Anders als Pflanzenfresser mit einer Dickdarmvergärung (wie Pferde, Hasentiere und Nager) können die Wiederkäuer normalerweise nicht mangelnde Qualität der Nahrung (hoher Nährstoffgehalt, leichte Verdaulichkeit) durch größere Quantität, d.h. Aufnahme größerer Mengen ärmerer Äsung kompensieren.
Der Wiederkäuermagen besitzt zwischen Netzmagen und Blättermagen einen Engpass, der nur eine bestimmte Teilchengröße durchlässt, d.h. alle aufgenommene Nahrung muss erst mechanisch (durch Kauen bzw. Wiederkauen) und fermentativ-biochemisch (durch bakterielle Vergärung, Aufspaltung von Stärke und/oder Zellulose) so weit „verdaut“ sein, dass sie weitertransportiert werden kann. Das bedarf eines bestimmten Zeitablaufs, der nicht unterschritten werden kann; er dauert um so länger, je faserreicher die Nahrung der betreffenden Wiederkäuerart ist – und hier unterscheiden sich die Wiederkäuerarten bekanntlich von vornherein in sehr spezieller Weise: Das Reh unterhält in seinem Pansen vorwiegend stärkespaltende Bakterien, die sehr rasch fermentieren und dadurch wiederholte Nahrungsaufnahme zwingend machen; der Rothirsch hat vorwiegend zellulosespaltende Pansenbakterien, kann daher viel faserreichere Nahrung verwerten als das Reh. Als Wiederkäuer vom Zwischentyp zeigt er ein breiteres Anpassungsspektrum als das Reh; denn wenn man dem Konzentratselektierer Reh allein faserreiche Nahrung belässt, gerät es bald in ein Energiedefizit und kann dann trotz eines relativ „vollen“ Pansens, gefüllt aber mit unverdaulichem Gras/Heu und zäher Verbissäsung, verenden. Von diesem Problem ist das Reh besonders in der winterlichen Vegetationsruhe betroffen, weil dann fast alle Äsungspflanzen einen sehr hohen Faseranteil mit einer sehr geringen Verdaulichkeit aufweisen. Daher ist bei dieser Wildart schon früh im Jahr eine Energiebevorratung, die 4-5 Monate reichen muss, entscheidend für Wachstum, Fötenwachstum, Gehörnentwicklung und generelle Kondition für das Überleben.
In jeder Wiederkäuerpopulation gibt es Individuen, die in dem breiten Anpassungsspektrum, das diese Tiere im Laufe der Evolution erworben haben, bis an die extremen Grenzen gehen. Das bedeutet, dass diese Stücke ihren Erhaltungsenergieaufwand bis nahe an den Grundumsatz absenken können.
Das auf Überleben im Winter ausgerichtete Funktionieren dieser wahrhaft wunderbaren Anpassungsmechanismen – die individuell höchst unterschiedlich genutzt werden – basiert vor allem auf einer strikten Energieeinsparung. Bereits durch wenige Störungen (Flucht, Umstellung in tiefen Schnee oder windexponierte Revierteile etc.) kann dieses System gefährdet werden bzw. völlig zusammenbrechen.
Niemand will das so recht wahrhaben – manche Forstpolitiker nicht, die den auf Reduktion um jeden Preis gerichteten Jagddruck unerbittlich bis in den Hochwinter hinein ausdehnen und ohne Rücksicht auf die jeweiligen Witterungsbedingungen oft noch bis in den Februar durch Sonderanordnung verlängern; die sich scheuen, den hochgeschraubten Freizeitanspruch ihrer Wähler etwas einzuschränken. Fassungslos stehen unsere amerikanischen Kollegen, die ohnehin keine winterliche Jagd zulassen, vor diesen Problemen.
Doch zurück zu den Anpassungsstrategien unserer Hauptwildarten. Wie unsere Volumenmessungen an Reh- und Rotwildpansen ergaben, schwankt das Volumen im Jahreszyklus um 25 bis 30 Prozent. Am größten ist der Pansen beim Rehwild im Herbst, am kleinsten im Februar. Beim Rotwild wird dieser Anpassungsweg noch differenzierter beschritten. Der Magen des Feisthirsches fasst im Juli/August etwa 20 Liter, in der Brunft dagegen kaum noch 12 Liter, die zudem gar nicht ausgenutzt werden. Das größte Volumen erreicht der Pansen (ähnlich wie beim Reh) aber erst nach der Brunft, er fasst dann bis zu 25 Liter. Mit den winterlichen Drosselungsvorgängen verkleinert er sich wieder auf 15 – 18 Liter. Die Schwankungsbreite des Rehpansens liegt beim erwachsenen Tier zwischen 3,5 und 5 Liter.
Die wohl extremsten Anpassungserscheinungen in diesem Bereich zeigt unter den angesprochenen Wildarten das Gamswild. Ohne das sofort als „Generalisierungsformel“ aufzufassen, könnte man sagen, dass sich das Gamswild in der Sommerperiode wie ein Konzentratselektierer, im Winter dagegen wie ein Rauhfutterfresser verhält. Als ein hochdifferenzierter, besonders anpassungsfähiger Wiederkäuer vom Zwischentyp muss es verschiedene ökologische und physiologische Probleme sozusagen unter erschwerten Bedingungen und unter Zeitdruck lösen; denn im Hochgebirge setzt das Frühjahr im Lebensraum der Gämsen spät ein, während der Sommer sehr kurz ist. Schon im September erreicht der Gamspansen mit 8 – 9 Litern Fassungsvermögen ein erstes Maximum, das im Vergleich mit Reh und Hirsch extrem ist. Erstaunlich ist, dass die bis Mitte November bzw. Brunftbeginn gewaltig angestiegenen Feistmassen anders als beim Hirsch in der Brunft nicht völlig erschöpft werden – es sei denn, der Mensch stört das alles nachhaltig – und als Notreserve für das Überleben im eigentlichen Winter verfügbar bleiben. Dass die Gams mit einem erheblich verkleinerten, innen völlig umgebauten Pansen und einem besonders anpassungsfähigen Dickdarm nach der Brunft im Hochwinter aber selbst der ärmsten Fasernahrung (z.B. trockenes Gras und Flechten noch energiespendende Nährstoffe abgewinnen kann, gehört zu den phantastischen Erscheinungen im Anpassungsspektrum der Wildwiederkäuer.
Mit dem Problem jahreszeitlich einseitiger und verallgemeinernder Betrachtung des Nährstoffgehaltes im Pansen bzw. dem Nährstoffbedarf der Wildwiederkäuer befasst sich kritisch eine vergleichende Untersuchung von DITTRICH und GROPPEL. Sie zeigen, dass Rehwild gegenüber Rotwild auch im Winter den höchsten Eiweißbedarf hat, dass es aber mit einem Rohfasergehalt von nur 15 Prozent seine Pansentätigkeit ausreichend absichern kann.
Hier liegt wohl schließlich auch der Ansatzpunkt für eine physiologisch fundierte, nach Tierart bzw. Äsungstyp differenzierte und v.a. am Stoffwechsel-Jahreszyklus orientierte Fütterung zum Schutz des Waldes, die doch häufig dort zwingend wird, wo es zur Übernutzung der Landschaft durch allzu viele Interessenten kommt.
Zusammenfassung:
Wie wir gesehen haben besteht über Fütterung unserer Wildwiederkäuer in der Notzeit breiter Konsens. Gefüttert wurde auch schon im Königlichen Forstamt Oberammergau, wie aus den Aufzeichnungen von Wolfgang Madl seiner „historisch-wissenschaftlichen Betrachtungen der Jagd im 19. Jahrhundert“ zu entnehmen ist.
Für unser Wild treten in der heutigen Zeit zwei Probleme auf, die kaum in Griff zu bekommen sind.
Das eine ist die notwendige Feistbildung im Herbst für die Wildwiederkäuer. In Gebieten mit überwiegend Grünlandwirtschaft, hat sich die Äsungsmöglichkeit für das Wild grundlegend verschlechtert.
Früher wurden die Wiesen in der Regel zweimal gemäht und der Weidebetrieb wurde an Michaeli (Ende September) eingestellt. Dem Wild blieb genügend Zeit im Sommer und im Herbst sich die nötigen Fettreserven für die Notzeit anzufressen und es überstand so relativ problemlos den Winter. Die Jagdzeit endete am 31. Oktober.
In der heutigen Grünlandwirtschaft werden die Wiesen in der Vegetationszeit (April-September) fünf- bis sechsmal gemäht und unmittelbar danach mit Gülle gedüngt. Dem Wild bleibt zwischen dem Verschwinden der Gülleschicht und dem nächsten Schnitt kaum Gelegenheit zum Äsen und dort wo es austritt sitzt dann der Jäger, um seinen Abschuss zu erfüllen. In aller Regel werden die Wiesen vor dem Winter nochmals“ kurzgemäht“ und oft noch mit einer Gülleschicht versehen.
Wenn dann noch Eichel- und Buchenmast ausfallen, kommen die Tiere ohne Feist in den Winter. Die im Herbst letzten Jahres erlegten Rehe hatten beim Aufbrechen kein Gramm Feist.
Das zweite Problem ist die Beunruhigung im Winter. Hier ist an erster Stelle die Jagd zu nennen. Jagdzeit ist bis 15. Januar für Rehwild, für Rotwild bis 31. Als weitere Störfaktoren wären der Wintereinschlag im Wald zu nennen und die Freizeitaktivitäten, vor allem Langlauf quer durch den Wald z.T. mit freilaufendem Hund.
Ein Verbiss ist bei diesen Gegebenheiten vorprogrammiert und kann mit einer ständigen Erhöhung des Abschusses allein nicht behoben werden.
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